Öffentliches Recht : Was ist Gerechtigkeit?

Was ist Gerechtigkeit?

EUR 2,60


Ein Bud Spencer der Demokratie - Hans Kelsen geht die beiden führenden Theoriebildungen über die Gerechtigkeit an, wie ein routinierter Kirmesboxer übermütige Teenager, die sich zu ihm in den Ring trauen. Ohne erkennbare Mühe streckt er erst die metaphysischen (namentlich religiösen) Gerechtigkeitstheorien nieder, denen er nachweisen kann, dass sie das Problem der Relativität von Werten nicht lösen können. Wissenschaftliche Gerechtigkeitsheorien folgen den metaphysischen auf die harten Bretter, denn sie sind auf bereits gesetzte Aussagen über Recht und Unrecht angewiesen.Wenn wir aus der geistigen Erfahrung der Vergangenheit irgend etwas lernen können, ist es dies, dass die menschliche Vernunft nur relative Werte begreifen kann, schlussfolgert Kelsen aus dieser philosophischen Rauferei. Und das Erstaunliche ist: dass diese Erkenntnis ausreicht, um doch so etwas wie eine Lösung anzubieten: Toleranz (Toleranz bedeutet Gedankenfreiheit). Diesen Text hätten wir von Kindergarten bis zum letzten Schultag lesen lesen und wieder lesen sollen. Warum liest in unserer Demokratie keiner Kelsen? Man sollte. Dringend. Denn hier ist der Anwalt der Demokratie, als der Kelsen auftritt, kein verhuschter Bürokrat, sondern ein wahrer Bud Spencer (der übrigens von Juristen Carlo Pedersoli gespielt wurde).

Auf Wiedersehen, Gerechtigkeit? - Hans Kelsen wurde ob seines Werterelativismus oft eine Art Opportunismus unterstellt. Theorien wie die seine, so hieß es, machten Systeme wie das der Nationalsozialisten erst möglich. Als Liberaler jüdischer Herkunft sollte dieser Vorwurf abwegig genug erscheinen.Es geht Kelsen nicht um Legitimation, sondern um Reinheit. Sein Hauptwerk, die Reine Rechtslehre, zeigt den Juristen seinen Wurzeln treu. Eigentlich wollte Kelsen Mathematik, Physik und Philosophie studieren.Was ist Gerechtigkeit? ist als Beiwerk seines Gesamtopus zu verstehen. Hier begründet er, warum er nach der Maxime handelt, die ihm stets negativ ausgelegt wird: Warum er von einer Verflechtung der Gerechtigkeit in ein System des Rechts nicht hält. Im Buch werden alle gängigen Gerechtigkeits-Theorien widerlegt und als Legitimatoren der jeweiligen Kultur entlarvt. Nicht auf Gerechtigkeit sind sie aus, sondern auf Konservierung des Bestehenden. Freilich hat die Philosophie nach Kelsen nicht aufgehört und mit ihr die Frage nach Gerechtigkeit. Als Nachfolgeliteratur für Gerechtigkeitssucher seien Jacques Derrida und Emmanuel Lévinas empfohlen, die eine postkelsen schen, konstruktivistischen Gerechtigkeitbegriff statuieren.

Abzug wegen des problematischen Relativismus... - Mit diesem schmalen Aufsatz habe ich ein Problem. Kelsen vertritt den Ansatz, dass jeder Begriff der Gerechtigkeit abhängig ist von den Werten, die wir setzen. Sein Text lässt jedoch den Eindruck entstehen, dieses Werte-Setzen vollziehe sich willkürlich, sei sozusagen rein kulturabhängig und Kultur wiederum sei ein Spiel mit beliebigen Regeln. Dem kann aber nicht so sein, weil es a.) eine allgemeine Conditio Humana gibt, die wir alle teilen und b.) allen Menschen mitgegebene Verhaltens- und Wahrnehmungsdispositionen, die definieren, was wir möglicherweise als Gut/Schlecht, Glück/Unglück definieren. Man lese hierzu die großen Humanethologen (Eibl-Eibesfeldt) und Evolutionspsychologen und befasse sich auch mit den kulturübergreifenden Ähnlichkeiten aller Menschen-Gesellschaften, wie sie von den Ethnologen gefunden wurden, um zu verstehen, welche Unterschiede möglich und welche übereinstimmungen notwendig gegeben sind. Deshalb nur 4 Sterne. Ansonsten ist das Buch sein Geld wert und bietet auch einige interessante Differenzierungen.

Hans Kelsen zieht der Gerechtigkeit den Zahn! - Hans Kelsen gehört unbestritten zu den größten Denkern des 20. Jahrhunderts. In seiner ihm eigenen Denkweise, die an Präzision und Schärfe kaum zu überbieten ist, geht er im vorliegenden Buch dem ewigen Problem der Gerechtigkeit nach. Kaum jemand anders hat es je fertig gebracht, diese Frage so umfassend und zugleich kurzweilig in all ihren Aspekten zu erörtern. In klarer und verständlicher Sprache zeigt er, daß alle Bemühungen scheitern müssen, die Frage, was Gerechtigkeit ist, in einem absoluten Sinne zu beantworten. Die Folgerichtigkeit seiner Schrift hat manch einen Philosophen in Resignation sagen lassen, daß Kelsen die Gerechtigkeitsfrage als Scherbenhaufen hinterlassen habe. Das bedeutet zugleich, daß kein Weg an dieser grundlegenden Analyse vorbeiführt. Jeder, der der Gerechtigkeit auf den Grund gehen möchte, sollte sich daher diese kurze Abhandlung unbedingt kaufen. Absolut lesenswert!!




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